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Wie viel Zeit sollte eine Bewerbung kosten?

Wie viel Zeit sollte eine Bewerbung kosten?

Gen Z und Unternehmen diskutieren


Was wünschen sich die Jugendlichen, wenn es um die Suche nach einem Ausbildungsplatz geht? Was können Unternehmen leisten? Wie viel Zeit sollte eine Bewerbung kosten? Um diese Fragen geht es bei einem Projekt, bei dem zwei Welten aufeinandertreffen.

Von Julia Kolmer, IVZ
Mittwoch, 24.06.2026

 

Zeit - das ist der Faktor, um den es sich am Ende dreht. Bei den Jugendlichen, die sich auf einen Ausbildungsplatz bewerben. Und bei den Unternehmen, die Azubis suchen. Das wurde bei dem gemeinsamen Projekt von Zwölftklässlern der Hüberts‘schen Schule und fünf Firmen aus der Region deutlich. Die Schüler haben sich damit beschäftigt, was sich die Gen Z von möglichen Ausbildungsbetrieben wünscht. Einer der größten Punkte: nicht mehr der klassische Bewerbungsprozess. Ganz so einfach, wie sich die Schülerinnen und Schüler das vorstellten, ist es aber nicht. Das zeigte eine Diskussion, bei der Wunsch und Wirklichkeit aufeinanderprallten.
Die Ideen der Jugendlichen kamen aber nicht von ungefähr. Mit der Unterstützung von fünf Unternehmen, neben GeoCapture waren auch Krone, Kampmann, Emco und GE Vernova dabei, haben sie sich deren Bewerbungsprozess und Social-Media-Angebote angeschaut und Vorschläge zur Verbesserung entwickelt. Dabei haben sie sich auch auf eine Umfrage gestützt, die sie an ihrer Schule vorgenommen haben. Eine Erkenntnis daraus: Die Mehrheit akzeptiert maximal zehn bis 20 Minuten Aufwand für eine Bewerbung.
Programm zum Ausprobieren
Genau da hat die Gruppe aus Lilian Krone, Marie-Louise Hartke, Ole Weßling, Noél Ziermann und Lukas Sickmann, die sich mit der Firma GeoCapture beschäftigt hat, angesetzt. Sie haben ein Portal entwickelt, das das klassische Bewerbungsverfahren ersetzen kann. Und das nicht nur als Theorie - sie hatten es als funktionierendes Programm dabei, das die Vertreter der Firmen direkt ausprobieren konnten.

Diese zückten ihre Handys, scannten den QR-Code der „Musterfirma Sickmann“ und füllten die Formulare aus. Es wurde nach Kontaktdaten gefragt, in welchem Bereich jemand arbeiten möchte, es gab Platz für ein paar Worte zur Motivation, entweder schriftlich oder als Video, und ein Lebenslauf konnte hochgeladen werden. Das ist normalerweise erforderlich, erläuterte Lukas Sickmann während der Präsentation seiner Gruppe. Aber für die Demonstration habe er das deaktiviert.
Und so bewarben sich die Vertreter auf neue Jobs bei „Sickmann“. Ihre Bewerbungen konnten dann direkt in einer Übersicht gelesen, gefiltert und schnell beantwortet werden. „Es geht uns tatsächlich um die Zeit“, blickte Lilian Krone auf den Unterschied zwischen ihrem Programm und einer klassischen Bewerbung. „Bei einer Bewerbung mit allen Formalien sitzt man Tage dran.“ Auch werde da oft künstliche Intelligenz zur Hilfe genommen, ergänzt Lukas Sickmann. Bei weniger Zeitaufwand sei die Wahrscheinlichkeit, dass selbst geschrieben werde, deutlich größer. Und ein Video habe auf jeden Fall keine KI.

Den Wunsch nach einem schlankeren Bewerbungsprozess konnten die Vertreter der Unternehmen durchaus verstehen. Allerdings sahen sie auch die Realität, mit der sie jeden Tag konfrontiert sind. „Ich habe einen Haufen Bewerbungen, wie vergebe ich die Plätze?“, fragte Anne Niemann von GeoCapture. „Wie entscheide ich mich für die einzelnen Leute, wenn ich nur Handynummer, Namen und Mailadresse habe?“ Der Vorschlag eines Schülers: ein Videoanruf mit den Bewerben, um sie besser kennenzulernen. Kein langes Gespräch, nur so fünf bis zehn Minuten.
„Wir müssen mit unserer Zeit auch haushalten“, gab Daniel Schmidt von GE Vernova zu Bedenken, dass der Aufwand nicht nur ein Faktor bei den Bewerbern, sondern auch bei den Unternehmen ist. Er brauche genug Informationen, um zu sehen, wer derjenige ist und ob es sich lohne, mit dem Prozess der Bewerbung weiterzumachen. „Kurz und knapp ist gut, die Formalien sind mir nicht so wichtig“, sagte Schmidt. Aber allein ein Lebenslauf sei hilfreich.
„Wie bestimmen Unternehmen, wen sie nehmen?“, fragte Franziska Berens. Es sei ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren, erklärte Niemann. So achtet sie bei Zeugnissen nicht nur auf die Noten, sondern auch auf die Zahl an entschuldigten oder nicht entschuldigten Fehlstunden, nannte sie nur ein Beispiel. Auch Hobbys könnten aufschlussreich sein. „Es kostet Zeit. Es kostet Geld“, sagt sie klar darüber, junge Leute auszubilden. „Ich muss alles dafür tun, dass es ein erfolgreiches Match wird.“

Verständnis hatten die Schüler dafür. „Wenn er wirklich Bock auf einen Job habe, dann würde ich auch eine klassische Bewerbung abgeben“, war sich Justus Hendriksen sicher. Allerdings blieb die Frage der Schüler im Raum stehen: Ist eine normale Bewerbung noch der richtige Weg für alle?


Das zeigt die Umfrage
661 Schülerinnen und Schüler der Klassen 9 bis 13 haben an der Umfrage des Differenzierungskurses teilgenommen. Herausgekommen ist, dass 28,9 Prozent von ihnen planen, nach dem Abschluss eine Ausbildung zu machen. 19,7 Prozent wollen ein Duales Studium beginnen und 20,9 Prozent sind noch unentschlossen. Das restliche Drittel denkt über ein Studium, ein freiwilliges soziales Jahr oder etwas anderes nach. Auch haben sie Zahlen dazu, wie viele Schüler bei Social Media unterwegs sind. Am beliebtesten ist Instagram (92,3 Prozent), vor TikTok (86,1), Snapchat (80,6) und YouTube (60,1).

 

Wie können Unternehmen in der Region neue Bewerberinnen und Bewerber gewinnen?
Mit dieser Frage beschäftigte sich der Differenzierungskurs Business Communication der Jahrgangsstufe 12 im Laufe des Schuljahres 2025/26 intensiv. In Kooperation mit den Unternehmen GeoCapture, EMCO Group, Kampmann, Krone und GE Vernova simulierten die Schülerinnen und Schüler zunächst vor Ort Bewerbungsgespräche. Vorausgegangen war eine intensive Unterrichtseinheit, in der sie sich mit dem gesamten Bewerbungsprozess auseinandersetzten – vom erfolgreichen Verfassen von Bewerbungsunterlagen über die Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche bis hin zu deren möglichst überzeugender Durchführung.

Im zweiten Halbjahr verlagerte sich der Schwerpunkt auf die Entwicklung individuell zugeschnittener Marketingkonzepte mit dem Ziel, Unternehmen dabei zu unterstützen, mehr Bewerberinnen und Bewerber zu gewinnen. Dazu analysierten die Schülerinnen und Schüler ihr jeweiliges Partnerunternehmen, führten eine Umfrage unter den Schülerinnen und Schülern unserer Schule durch und setzten sich mit wissenschaftlicher Literatur zum Ausbildungsmarketing auseinander. Auf dieser Grundlage erstellten sie fundierte Berichte, die anschließend als Basis für die Präsentationen der einzelnen Gruppen dienten. Diese wurden am 18.06.2026 den Vertreterinnen und Vertretern der beteiligten Unternehmen vorgestellt.
Im Mittelpunkt standen passgenaue Konzepte, die auf die Bedürfnisse der einzelnen Unternehmen abgestimmt waren und konkrete Möglichkeiten aufzeigten, neue Bewerberinnen und Bewerber zu gewinnen. So entwickelte die Gruppe von GeoCapture beispielsweise ein eigenes Bewerbungsportal, um den Bewerbungsprozess zu vereinfachen. Weitere Vorschläge umfassten den Einsatz von Potenzialanalysetools wie der AEC-DISC-Analyse, um die Passung zwischen Bewerberinnen und Bewerbern und Unternehmen besser einschätzen zu können. Ergänzt wurden die Konzepte durch Social-Media-Kampagnen wie die „Azubi Journey“ sowie den Ausbau von Schulkooperationen, insbesondere unter Einbindung der Auszubildenden in den jeweiligen Unternehmen.
Insgesamt sind sich die Schülerinnen und Schüler einig, dass die Zusammenarbeit mit regionalen Unternehmen einen großen Mehrwert bietet. Gleichzeitig fühlen sie sich nun besser denn je darauf vorbereitet, Präsentationen selbstbewusst – auch vor Vertreterinnen und Vertretern aus der Wirtschaft – zu halten.